Konzept

zur

Studien- und Berufsorientierung

am

Gymnasium Groß Ilsede

 
(umzusetzen ab dem Schuljahr 2008/2009)
 
Stand: Mai 2008
 

 

1.      Rechtliche Grundlagen; Erlasslage
Die Rahmenvereinbarungen der Konferenz der Kultusminister (KMK) geben vor, dass das Abitur für ein Studium oder eine Berufsausbildung befähigen soll. Diese Forderung wird legitimiert durch das Niedersächsische Schulgesetz, die Oberstufenordnung (VO-GO bzw. EB-VO-GO i.d.F. 2007) sowie den Erlass „Die Arbeit in den Schuljahrgängen 5-10 des Gymnasiums“ (RdErl. d. MK i.d.F. 2006). Danach besteht die Studien- und Berufsorientierung (StuBO) in der Qualifikationsphase der Oberstufe vorwiegend aus Information und Beratung. Für die Einführungsphase und die Mittelstufe ist ein studiums- und berufswahlvorbereitender Unterricht vorgesehen.
Die Umsetzung wird konkretisiert durch den Erlass „Berufsorientierung an allgemein bildenden Schulen“ (RdErl. d. MK i.d.F. 2006), den Erlass „Zusammenarbeit von Schule und Berufsberatung“ (RdErl. d. MK i.d.F. 2005) sowie den curricularen Vorgaben im Fach Politik-Wirtschaft. Zusammenfassend lassen sich folgende Schwerpunkte für Gymnasien identifizieren:
  • Betriebspraktikum und Betriebserkundungen,
  • studiums- und berufslaufbahnspezifische Beratungen durch den zuständigen Berufsberater der Agentur für Arbeit sowie den Besuch des Berufsinformationszentrums (BIZ). Die Zusammenarbeit mit der Berufsberatung soll zu einem institutionalisierten Netzwerk weiterentwickelt werden,
  • Besuch und Veranstaltung von Hochschul- und Studieninformationstagen in Zusammenarbeit mit Universitäten,
  • Einsichten in das Arbeits- und Wirtschaftsleben und Sensibilisierung für ökonomische, politische und soziale Zusammenhänge mit Blick auf eine sich verändernde Arbeitswelt,
  • kritische Betrachtung und Überwindung des traditionellen, geschlechtsspezifischen Berufspektrums (u.a. Teilnahme am Zukunftstag).
Daneben finden sich deutliche inhaltliche Bezüge in den Fächern Deutsch, Geschichte, Erdkunde und Religion/Werte und Normen sowie im Seminarfach, aber auch im Fach Sport, als auch im naturwissenschaftlichen und sprachlichen Aufgabenfeld lassen sich Verknüpfungen zur Studien- und Berufsorientierung herstellen. Gleichwohl ist dies bei den letztgenannten Fächern eine Frage des pädagogischen Freiraums und der Initiative der Lehrkräfte.
2.      Zielsetzungen
Die zentrale Aufgabe der StuBO, den Übergang von der Schule ins Berufsleben zu ermöglichen, beschränkte sich in der Vergangenheit an Gymnasien auf den Erwerb der „Studierfähigkeit“. Die veränderten sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen (ökonomisch-technischer Wandel, Individualisierung/Pluralisierung von Lebenslagen, Destrukturierung/Ausdehnung der Jugendphase, Veränderung der Geschlechterrollen), als auch eine zunehmende schulformspezifische Schülermobilität (Zugänge von anderen Schulformen und Übergang ins Berufsleben v.a. in/nach Klasse 10), erfordern ein Umdenken in der Zielsetzung, was auch aus den o.a., in den letzten Jahren aktualisierten rechtlichen Vorgaben deutlich wird. Das Abitur berechtigt nicht nur zum Besuch von Universitäten, sondern muss auch auf den dualen Bildungsweg vorbereiten, denn das Abitur ist mittlerweile Eingangsvoraussetzung für viele Ausbildungsberufe. Dennoch bleibt die Erlangung der Hochschulreife primäres Ziel. Insofern muss die Unterrichtsgestaltung die differenzierten Wünsche/Ziele und Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler[1], in Abwägung mit den Anforderungen von Unternehmen und den verschiedenen weiterführenden Bildungseinrichtungen, berücksichtigen. Letztlich ergibt sich eine vielfältige und komplexe Entscheidungssituation hinsichtlich der Berufsbiografie als Bestandteil der Lebensplanung für die Schüler.
Aus dieser veränderten Zielsetzung kann die StuBO nur fächer- und jahrgangsübergreifend unter Einbeziehung aller Akteure konzipiert werden, damit die Schüler am Ende ihrer Schulzeit über eine angemessene Entscheidungskompetenz verfügen (während des Entscheidungsfindungsprozesses sind Fehlentscheidungen allerdings durchaus sinnvoll, mithin erwünscht, z.B. bei der Wahl des Praktikumsplatzes). Diese Zielsetzung beinhaltet die Vermittlung folgender Kompetenzen:
  • Arbeit und Beruf als maßgebliches Element des individuellen Lebensentwurfs begreifen,
  • Methoden und Sozialformen des Unterrichts als Anforderungen an berufliche Tätigkeitsfelder erkennen,
  • zwischen den subjektiven Interessen und Voraussetzungen sowie den objektiven aktuellen und ggf. zukünftigen Ausbildungs- und Arbeitsmarktbedingungen eine rationale Entscheidung für die eigene Bildungsbiografie treffen,
  • auf Urteils-, Solidaritäts- und Selbstbestimmungsfähigkeit fundierte Handlungskompetenz erwerben.
3.      Beschreibung von Einzelelementen
Betriebspraktikum
Das Schülerbetriebspraktikum wird in der zehnten Klasse[2] als Blockpraktikum für die Dauer von 15 Arbeitstagen durchgeführt. Die Vorbereitung, Betreuung und Auswertung erfolgt durch die jeweiligen Fachlehrer Politik-Wirtschaft. Wesentlicher Bestandteil der Vorbereitung ist ein Projekttag. Die Schüler werden dabei über alle formalen Gesichtspunkte des Praktikums informiert und erstellen kriterienorientiert ein individuelles Eignungsprofil, welches als Basis für die Stellensuche dient. Diese Stellensuche hat besondere Bedeutung, da die Schüler sich eigenständig um einen Praktikumsplatz bemühen sollen, um die entsprechenden Bewerbungsmodalitäten zu schulen. Dazu wird der Termin ein Jahr vor Beginn des Praktikums den Schülern und Eltern mitgeteilt.
Die Praktikumsstelle sollte dabei in der Region (Braunschweig, Hannover, Salzgitter, Peine) liegen. Weiter entfernte Betriebe (z.B. in Bremen, Hamburg oder Berlin) werden auf Antrag und nur im Ausnahmefall genehmigt. Dabei muss eine angemessene Unterbringung bzw. Transport (z.B. bei Verwandten) gewährleistet sein und der ausgewählte Beruf sollte eine besondere Charakteristik aufweisen. Ebenso wird eine Stelle im elterlichen Betrieb, in Unternehmen naher Verwandter oder in unmittelbarer Umgebung des Wohnsitzes i.d.R. nicht genehmigt.
Die Schüler haben Beobachtungs-, Analyse- und Bewertungsaufträge durchzuführen und diese in Form einer Praktikumsmappe zu dokumentieren. Die Praktikumsmappe wird benotet und ist Bestandteil der Leistungsbeurteilung im Fach Politik-Wirtschaft im Jahrgang 10.
Berufsinformationsbörse
Einmal jährlich wird am GGI eine Berufsinformationsbörse (BIB) durchgeführt. Dazu werden entsprechend den Berufswünschen der Schüler der zehnten Klassen Vertreter von Unternehmen und Organisationen eingeladen, die in mehreren Gesprächsrunden ihr Unternehmen/Organisation und entsprechende Berufsbilder vorstellen und den Schülern für Fragen zur Verfügung stehen. Die Schüler werden im Rahmen des Fachunterrichts Politik-Wirtschaft auf die Veranstaltung vorbereitet. Ebenso sind die eigenen Erwartungen/Vorstellungen von bestimmten Berufen mit den Gesprächsergebnissen zu vergleichen und schriftlich zu reflektieren (Bestandteil der Praktikumsmappe).
Die Teilnahme an der BIB ist für Schüler der Oberstufe freiwillig.
Zusammenarbeit Schule – Berufsberatung
Es besteht seit Jahren eine enge Zusammenarbeit mit dem zuständigen Berufsberater für Gymnasien des Berufsinformationszentrums Hildesheim und dem GGI. Zentrale Elemente dieser Zusammenarbeit sind der jährliche Besuch im BIZ für die zehnten Klassen, die Teilnahme des Berufsberaters an der BIB sowie eine Informationsveranstaltung zur Studienwahl (u.a. ZVS) in der Oberstufe. Daneben existiert ein informeller Beratungs- und Informationskontakt zwischen den Fachlehrern Politik-Wirtschaft und dem Berufsberater. Weiterhin werden verschiedene Publikationen des BIZ den Schülern in der Studienbücherei bereitgestellt.
Bewerbungstraining
In Anlehnung an die beschriebenen veränderten Bedingungen (z.B. Übergang ins Berufsleben nach Klasse 10) und v.a. zur Vorbereitung auf das Praktikum wird im Fachunterricht Deutsch der neunten Klassen ein Bewerbungstraining durchgeführt. Dabei werden die schriftlichen Bestandteile einer Bewerbung eingeübt, aber auch das Vorstellungsgespräch/Verhaltensweisen in Form von Rollenspielen. Im Schuljahr 2007/2008 wurden dazu Unterrichtsmaterialien im Klassensatz angeschafft. Darüber hinaus ist die Einbeziehung von außerschulischen Experten (z.B. Versicherungen, Banken, Gewerkschaften) wünschenswert. Sinnvoll ist auch eine Auswertung bereits geführter Bewerbungsgespräche, dadurch stünden Informationen über die aktuellen Unternehmenserwartungen oder Arten von Einstellungstests etc. zur Verfügung.
Beratungs- und Informationsangebote Oberstufe
In der Vergangenheit hat sich am GGI ein vielfältiges Beratungs- und Informationsangebot für die Oberstufe entwickelt. Zentrale Elemente sind die Informationsveranstaltungen des Oberstufenkoordinators zur Profil- und Schullaufbahn und v. a. zur Studienwahl durch den Berufsberater. Daneben gibt es seit einem Jahr die jährlich stattfindende Veranstaltung zu Möglichkeiten eines Praktikums etc. im Ausland, organisiert vom Europa-Büro der Landesregierung Niedersachsen. Auch erhält das GGI jährlich Besuch von Repräsentanten der Universität Twente/NL, die über Studiumsperspektiven an der dortigen Universität informieren. Weiterhin werden z. B. der Besuch der „Schnuppertage“ an der Universität Göttingen oder im Rahmen des Fachunterrichts Biologie der Besuch der Hochschule Clausthal-Zellerfeld angeboten und durchgeführt. Außerdem besteht für Oberstufenschüler die Gelegenheit an der BIB teilzunehmen, dies ist vor dem Hintergrund, einer sich bereits herausgebildeten oder noch unsicheren beruflichen Zielperspektive sinnvoll und von den Unternehmen erwünscht.
Berufswahlpass
Ab dem Schuljahr 2008/2009 wird am GGI der Berufswahlpass ab Klasse 8 aufsteigend eingeführt. Die Ausgabe und Einführung in die Arbeit mit dem Berufswahlpass erfolgen im Rahmen des Fachunterrichts Politik-Wirtschaft, ebenso die Ergänzung des Kompetenzprofils im Jg. 10 (Vorbereitung Betriebspraktikum). Die für die Oberstufe relevanten Maßnahmen (u. a. Hochschulerkundung) übernehmen die entsprechenden Fachlehrer des Seminarfachs. Darüber hinaus sind alle Fächer aufgefordert, bei Bedarf den Berufswahlpass fortzuführen. Damit dokumentieren die Schüler alle zur beruflichen Orientierung relevanten Maßnahmen und Projekte, dazu gehören ggf. auch außerschulische Veranstaltungen, Auslandsaufenthalte oder Ferienjobs. Den Schülern wird damit ein Instrument zur Förderung der Eigeninitiative und Selbstverantwortung bereitgestellt und bietet letztlich eine Hilfestellung zur selbstgesteuerten beruflichen Orientierung bis hin zur Entscheidungsfindung. Der Schule dient es zur Evaluation der StuBO und zur Information der Eltern und außerschulischer Kooperationspartner.
4.       Weiterentwicklung des Ist-Zustandes
Aufbau eines Kooperationsnetzwerkes; Schülerfirma
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für eine nachhaltige Berufsorientierung sind Realbegegnungen, denn nur so lässt sich ein authentisches und für die Schüler häufig motivierendes Bild vermitteln. Vor diesem Hintergrund ist für die Zukunft der Aufbau eines Kooperationsnetzwerkes mit Unternehmen und Organisationen der Region geplant. Die Formen der Zusammenarbeit sind vielfältig: Betriebsbesichtigungen, Bereitstellung von Praktikumsplätzen, Einladung von Experten in den Fachunterricht, Einrichtung einer Schülerfirma etc. Für die Schüler werden dadurch Aspekte der Arbeitswelt greifbarer und nachvollziehbarer und die gemachten Erfahrungen helfen bei der Entscheidung über den künftigen Beruf bzw. Bildungsweg. Schule und Betriebe verbessern ihr Ansehen in der Öffentlichkeit und fördern die regionale Identität, wenn sie gemeinsam gesellschaftliche Verantwortung für die nachwachsende Generation übernehmen. Weiterhin kann ein gemeinsames Verständnis von Berufsorientierung entwickelt und umgesetzt werden. Zudem können die Unternehmen künftige Auszubildende werben und sich als attraktiver Arbeitgeber präsentieren.
Die Umsetzung des Vorhabens sollte folgende Schritte berücksichtigen:
§         Entwicklung einer Projektidee (Lernziele; Projekttyp; technische, personelle, räumliche Kapazitäten der Schule > Bedarfsanalyse)
§         Interne Kommunikation (Lehrer, Schüler, Eltern)
§         Auswahl geeigneter Projektpartner (Recherche, Aufstellung von Firmenprofilen, Auswahl)
§         Kontaktaufnahme (direkt, Verbände, Medien)
§         Abschluss einer Kooperationsvereinbarung
§         Projektdurchführung
§         begleitende Medienarbeit/Multiplikation (Presse, Dokumentation, Internet, Lehrerfortbildung)
§         Evaluation und Weiterentwicklung (Lernerfolg, Gewinnung neuer Kontakte)
Evaluation
Das Konzept wird einer regelmäßigen Überprüfung unterzogen und ggf. an die veränderten Bedingungen angepasst.

 

5.      Übersicht Organisationsstruktur

 

Teilnehmer
Inhalt/Maßnahmen
Fach/Verantwortlichkeit
Jg. 8
Einführung/Ausgabe Berufswahlpass
Fachunterricht Politik-Wirtschaft
Erste Einsichten in das Arbeits- und Wirtschaftsleben
Fachunterricht Politik-Wirtschaft
Informationsveranstaltung für Eltern zur Berufsorientierung am GGI und zum Berufswahlpass
FB StuBO
Industrialisierung und soziale Frage
Fachunterricht Geschichte
Jg. 9
Unternehmensstrukturen; soziale Marktwirtschaft; Sozialstaat und Sozialstruktur (u.a. Geschlechterrollen im Beruf und familialer Wandel)
Fachunterricht Politik-Wirtschaft
Betriebsbesichtigungen
Fachunterricht Politik-Wirtschaft
Bewerbungstraining (ggf. unter Einbeziehung außerschulischer Experten, z.B. Krankenkassen)
Fachunterricht Deutsch
Strukturwandel und Standortfaktoren in Europa
Fachunterricht Erdkunde
Weiterführung Berufswahlpass
fächerübergreifend
Jg. 10/11 (Einführungsphase)
Projekttag: Vorbereitung Betriebspraktikum (u.a. Fortführung des Kompetenzprofils anhand des Berufswahlpasses)
Fachlehrer Politik-Wirtschaft
Arbeitswelt im Wandel
Fachunterricht Politik-Wirtschaft
Dreiwöchiges Betriebspraktikum
Fachlehrer Politik-Wirtschaft (Betreuung und Auswertung)
Berufsinformationsbörse mit Unternehmen und Organisationen der Region
FB StuBO
Besuch des BIZ Hildesheim
Fachlehrer Politik-Wirtschaft, Klassenlehrer, FB StuBO
Information über die Oberstufe und Profilwahl
Oberstufenkoordinator
Ggf. Weiterführung Berufswahlpass
Fächerübergreifend
Jg. 11/12 – 13 (Qualifikationsphase)
Informationsveranstaltung zur Studien- und Berufswahl durch den Berufsberater des BIZ
FB StuBO, Oberstufenkoordinator
Hochschulerkundung (u.a. Bibliotheksnutzung) anhand des Berufswahlpasses; Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten (Facharbeit)
Fachlehrer Seminarfach
Info-Veranstaltung „Studieren an der Uni Twente“
Oberstufenkoordinator
Info-Veranstaltung zu Studium, Praktikum, Ausbildung im Ausland durch das Europa-Büro der Landesregierung
Oberstufenkoordinator, FB StuBO
Verschiedene Informationsveranstaltungen der regionalen Hochschulen und Universitäten
Tutoren/Fachlehrer
Identitätsfindung, Sozialisation, Rollenkonflikte
Fachunterricht Religion/WuN
Chancen und Risiken der Globalisierung; Wirtschaftspolitik; Sozialer Wandel
Fachunterricht Politik-Wirtschaft
Ggf. Weiterführung Berufswahlpass
Fächerübergreifend
Jg. 5 -10
Zukunftstag
FB StuBO, Klassenlehrer
Alle Jahrgänge
Individuelles Beratungsangebot zu Fragen der Studien- und Berufswahl
Beratungslehrer, Oberstufenkoordinator, FB StuBO
Verschiedene Angebote im Rahmen des Ganztagsbetriebes
FB Ganztagsbetrieb
Weitergabe von Publikationen über Angebote und Veranstaltungen von BIZ, Unternehmen der Region, Hochschulen etc.
Studienbücherei

 

 


[1] Aus Gründen der Vereinfachung wird für die Bezeichnung „Schülerinnen und Schüler“ nachfolgend „Schüler“ verwendet.
[2] Das Konzept ist ausgerichtet auf das achtjährige Gymnasium (G 8). Für die baldige G 9 – Schüler sind die Vorgaben entsprechend anzupassen.